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Republik-Flucht
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Deutschland vertreibt seine Leistungsträger.
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Wirtschafts- und Politikwissenschaftler verwenden gern den Begriff des schwarzen Schwans als Chiffre für ein unvorhergesehenes Ereignis, das alle Gewissheiten umstürzt. Dazu gibt es ein Gegenstück: das graue Nashorn. Dieses Modell beschreibt bedrohliche Entwicklungen, die in aller Offenheit ablaufen, denen die Verantwortlichen aber ganz bewusst nicht ins Auge sehen. Natürlich besteht eine enge Verwandtschaftsbeziehung zwischen dem grauen Nashorn und dem altbekannten Symboltier aus der Kommunikationstheorie, dem Elefanten im Raum: das Unübersehbare, das niemand laut ausspricht. 

Im Jahr 2025 verliessen 288 579 deutsche Staatsbürger das Land.

 

Die Agilen, Hochqualifizierten gehen

In der jüngsten Meldung des Statistischen Bundesamtes kommen graues Nashorn und Elefant zusammen: 288 579 deutsche Staatsbürger verliessen 2025 das Land. Es handelt sich bei ihnen ganz überwiegend nicht um den klischeehaften Rentner, der seinen Lebensabend unter der kanarischen Sonne verbringen will. Zwei Drittel der Deutschlandmüden sind jünger als vierzig, drei Viertel verfügen über ein Hochschuldiplom. 

Es gehen die Agilen und Hochqualifizierten, nicht selten direkt nach dem Studium. Und nicht nur Deutsche flüchten: Stefan Kolev, Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft, der selbst aus Bulgarien stammt, weist darauf hin, dass mittlerweile auch viele wirtschaftlich gutintegrierte Ausländer Deutschland den Rücken kehren – in Richtung ihrer alten Heimatländer. 

Im Jahr 2024 verliessen 1,2 Millionen Menschen die Bundesrepublik – ein Viertel Deutsche, drei Viertel mit meist europäischem Migrationshintergrund. Allein in der Altersklasse der 18- bis 25-Jährigen machten sich im vorvergangenen Jahr insgesamt 230 000 Menschen davon. Die Abkehr der Leistungsfähigen vollzieht sich also nicht erst seit gestern. Entsprechende Zahlen dazu kann jeder nachlesen. Aber kaum einer der Berlin-Mitte-Politiker will. Auch erstaunlich viele Journalisten sehen angestrengt am Phänomen der Bundesrepublik-Flucht vorbei. Wenn sie über Migranten reden, dann fast immer nur über sogenannte Schutzsuchende, die schon in Deutschland leben oder noch hierhin einwandern wollen.

Die Gründe für die anschwellende Abwanderung liegen teils auf der Hand, andere lassen sich mit einiger volkswirtschaftlicher Kenntnis leicht zusammentragen: Das Land befindet sich auf dem Weg des anhaltenden wirtschaftlichen Niedergangs. Die offizielle Wachstumsprognose für 2026 lautet 0,5 Prozent; wahrscheinlicher dürfte die Zahl bei null liegen. Allein von 2022 bis März 2026 ging die Industrieproduktion um 9,5 Prozent zurück, in der energieintensiven Produktion sogar um 15,2 Prozent. Wer eine Karriere im verarbeitenden Gewerbe oder im IT-Sektor anstrebt, dessen Chancen stehen in Wachstumsländern sehr viel besser – vom benachbarten Polen bis zu den USA. 

Es geht aber nicht nur um Beschäftigungschancen. In der Bundesrepublik wächst die Kluft zwischen Nettogehalt und dem, was jemand in einem deutschen Ballungsraum für Wohneigentum aufbringen muss. Eine Zahl macht das deutlicher als lange Studien: Schon ab einem Vermögen von 777 200 Euro zählt man in Deutschland zu den reichsten 10 Prozent. Für diesen Betrag bekommt man in München, Hamburg oder Frankfurt mit Glück gerade eine bescheidene Zweizimmerwohnung. Zum anderen stehen die Chancen selbst für gutqualifizierte und fleissige Arbeitnehmer und Selbständige schlecht, durch Arbeit überhaupt ein Vermögen dieser Grössenordnung aufzubauen. Dem Durchschnittsverdiener bleiben nach Sozialabgaben und Steuern von jedem Euro gerade mal 47,1 Cent. In den kommenden Jahren dürfte sich dieses Missverhältnis durch steigende Sozialkosten noch einmal massiv verschlechtern. 

Für alle, die sich am alten bundesdeutschen Ideal orientieren – gutbezahlter Job, Familiengründung, eigenes Heim –, bietet sich diese Aussicht fast nur noch jenseits der deutschen Grenzen. Es sei denn, man gehört zu denen, die von den Eltern einen Wohlstand aus den verflossenen goldenen und silbernen Zeiten erben. Das trifft auf viele Einheimische nicht zu, auf den Grossteil der Arbeitsmigranten, die viele Branchen trotz der Krise durchaus brauchen, schon gar nicht. Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Christine Vogler, machte vor einiger Zeit darauf aufmerksam, dass etliche der aus Brasilien und anderen Ländern mühsam und gegen bürokratische Hürden angeworbenen Pflegekräfte das Land nach einiger Zeit wieder verlassen: Einmal in der EU, stellen sie fest, dass sie anderswo ein deutlich besseres Verhältnis zwischen Nettogehalt und Lebenshaltungskosten finden. 

 

Wie bei den Bremer Stadtmusikanten

Wer eine Firma gründen will, für den ergeben sich noch zusätzliche Gründe, lieber in die weite Welt zu ziehen. Möchte ein deutscher GmbH-Eigner nämlich irgendwann später das Land verlassen, und sei es nur aufgrund einer Wohnsitzverlagerung innerhalb der EU, dann schlägt der Fiskus mit der Wegzugssteuer zu. Er wertet den Wohnsitzwechsel des Eigners wie einen fiktiven Verkauf der Firma. Ausserdem zeigen sich mittlerweile selbst Teile der Union offen für die Dauerforderung, Steuern für Gutverdiener aka «Reiche» weiter nach oben zu setzen. Für das linke politisch-mediale Milieu gilt Reichwerden sowieso als gesellschaftlicher Skandal, den es mit Einkommens- und Erbschaftssteuer zu bekämpfen gilt, notfalls auch mit Enteignung. Wer also gründen will, für den gilt das Motto ähnlich wie bei den legendären Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als hier findest du fast überall. 

Weder Bundesregierung noch linke Opposition und etablierte Medien nehmen den beschleunigten Brain-Drain wahr, geschweige denn ernst. Stattdessen wiederholen ihre Vertreter papageienhaft, dass Deutschland eine Einwanderung von 400 000 Menschen pro Jahr «braucht» – angeblich, um die Wirtschaft aufrechtzuerhalten, aber auch, wie Arbeitsministerin Bärbel Bas neulich meinte, um das deutsche «Einheitsgrau» aufzumischen, das sie für tendenziell braun hält. 

Die fünf Hauptherkunftsländer der deutschen Asylmigration inklusive Familiennachzug hiessen in den vergangenen Jahren: Syrien, Afghanistan, Türkei, Irak, Somalia. Von dort kommen nur selten die versprochenen Fachkräfte, Gründer auf den Gebieten IT, künstliche Intelligenz und klassische Industrie so gut wie gar nicht. Ein grosser Teil der Asylmigranten landet im Bürgergeld, ein anderer mangels guter Bildung und Sprachbeherrschung in einfachen Dienstleistungsjobs, von denen viele demnächst durch die technische Entwicklung verschwinden werden. Fast die Hälfte der 5,5 Millionen Bürgergeldbezieher, 47,6 Prozent, besitzen keinen deutschen Pass. Im vergangenen Jahr bezogen 512 000 Syrer und 201 000 Afghanen Geld aus dem Bürgergeldtopf – und damit 52,8 Prozent aller Syrer und 46,7 Prozent aller Afghanen, die überhaupt in der Bundesrepublik leben. 

 

Es fehlt eine Daseinskultur

Das muss man ihnen nicht vorwerfen. Sie nehmen das politisch gewollte Angebot nur wahr. Das Projekt, durch Asylmigration aus meist zerrütteten Ländern ohne Industrietradition künftige Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen, gehört ohne Zweifel zu den dümmsten politischen Ideen seit 1945. Höchstens die teutonische Energiewende kann noch mithalten, was Torheit und Selbstzerstörung betrifft. Deutschland lockt zehntausendfach Alimentationsfälle aus dem Ausland an, vertreibt seine Gutqualifizierten und schreckt Arbeitsmigranten ab. Dieser Prozess beschleunigt wiederum den wirtschaftlichen Abstieg, der immer mehr autochthone Deutsche und gutintegrierte EU-Ausländer dazu bringt, zumindest über Alternativen nachzudenken. Bis Anfang der dreissiger Jahre zieht sich ausserdem die Kohorte der sogenannten Boomer aus dem Arbeitsleben zurück. Dann kommen, wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, wirklich ungemütliche Jahre. 

Wollten die Regierenden daran etwas ändern, dann bräuchten sie nicht erst Beraterkreise einzurichten. Über allen Einzelmassnahmen wie Steuersenkung und Rückführung des Sozialstaats auf Hilfe für wirklich Bedürftige müsste allerdings ein Mentalitätswechsel der Funktionseliten stehen: Deutschland bräuchte statt Merkels Willkommenskultur, die sich strikt nach den Wünschen der Einwanderer richtet, eine Willkommenskultur für alle, die etwas leisten und aufbauen möchten. Daraus würde auch ganz von selbst eine Dableibkultur. Ein Land, das es seinen einheimischen Leistungswilligen so leicht wie möglich macht, zieht auch die wirtschaftlich Aktiven aus anderen Gegenden an. Die Bundesrepublik schafft es, beide Gruppen abzustossen und obendrein dieses Phänomen aus der öffentlichen Debatte weitgehend zu verbannen. Denn das tut jeder, der immer noch mit intellektuell armseligen Floskeln wie Buntheit und Vielfalt um sich wirft, als würde beides ganz von selbst zu Wohlstand und Wachstum führen. Den Verlust von fast 300 000 Bürgern pro Jahr thematisierte bisher kein Regierungsgipfel, keine Talkshow, keine Konferenz. 

Nashorn und Elefant – beide zusammen wären die idealen Wappentiere einer Verdrängungsrepublik.

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