Deutscher Kommunismus in knuffig: Heidi Reichinnek bringt die Linke zurück und lässt Sahra Wagenknecht alt aussehen

Mit klarer Sprache, Authentizität und leuchtend roten Lippen feuert die Spitzenfrau der Linken eine Silbensalve nach der anderen ab und reisst auf Tiktok die Jugend mit. Den Reichen will die Linke aber auch weiter das Geld wegnehmen.

Fatina Keilani, Berlin 5 min
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Sie hat die Energie: Heidi Reichinnek hat der Linken neues Leben eingehaucht.

Sie hat die Energie: Heidi Reichinnek hat der Linken neues Leben eingehaucht.

Clemens Bilan / EPA

Wenn Heidi Reichinnek sich aufregt, dann erreicht ihre Energie auch die letzte Reihe im deutschen Parlament. Schon wie sie in ihrem petrolfarbenen Einteiler zum Rednerpult eilt. Und wie schnell sich ihre knallroten Lippen bewegen, wenn sie redet. Da werden auch schläfrige Zuhörer wieder wach. Die «Brandmauer-Rede», die die Linken-Spitzenfrau am 29. Januar im deutschen Parlament hielt, wurde millionenfach im Internet abgerufen. Viele Menschen kannten die 36-Jährige vorher gar nicht. Nach dieser Rede ging ihre Popularität steil nach oben. Besonders junge Wähler gaben ihr bei der Bundestagswahl am 23. Februar begeistert ihre Stimme.

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So gesehen hat Reichinnek es auch Friedrich Merz zu verdanken, dass die Linke jetzt wieder im Bundestag ist, und das mit fast neun Prozent, einem Wert, von dem die FDP nur träumen kann. Noch in der dritten Januarwoche war die Partei scheintot, lag in Umfragen bei unter fünf Prozent. Doch dann liess der CDU-Chef Merz über seinen Fünf-Punkte-Plan zur Migration abstimmen und akzeptierte dafür auch Stimmen der AfD. Reichinnek hielt spontan die besagte Rede. Der Rest ist Geschichte – die Leute rannten der Linken im Wahlkampf die Säle ein. 23 500 Menschen traten seit Jahresbeginn in die Partei ein, die meisten nach dem 29. Januar.

Das freundliche Gesicht des Kommunismus?

Dabei reden die Linken genau wie früher – den Reichen das Geld wegnehmen, «Milliardäre abschaffen», soziale Gerechtigkeit, was immer darunter zu verstehen ist. Aber sie kümmern sich auch. Jedermann kann bei der Linken seine Heizkostenabrechnung einreichen und prüfen lassen. Es gibt auch einen Mietwucherrechner. Grossvermietern und Wohnkonzernen ist der Kampf angesagt, sie erhalten dann vorgefertigte Post, die die Linke den Bürgern zur Verfügung stellt, angeblich kommt dabei im Durchschnitt eine dreistellige Erstattung heraus. Das scheint bei manchen zu wirken. Bei anderen wirkt Reichinneks Art.

Mehr als eine halbe Million Follower hat die gebürtige Ostdeutsche auf Tiktok, ähnlich viele auf Instagram. Nur die AfD ist in den sozialen Netzwerken noch erfolgreicher – Alice Weidel kommt auf Tiktok fast auf eine ganze Million Follower. Kein Wunder, dass beide Parteien besonders viel Unterstützung von Jungwählern bekommen. Zumal beide sich als Kümmerer positionieren. Weidel kommt jedoch unterkühlt bis kalt rüber, Reichinnek wirkt warmherzig und ist irgendwie knuffig. Dazu die Ponyfrisur, die wilden Tattoos und der mitunter biedere Retro-Hausfrauenlook, das ergibt eine elektrisierende Mischung.

Vorläufiges Ergebnis der Bundestagswahl

Stimmenanteile 2025 im Vergleich zum Ergebnis 2021
5-Prozent-Hürde
Union
28,5%
+4,3
AfD
20,8%
+10,4
SPD
16,4%
−9,3
Grüne
11,6%
−3,1
Linke
8,7%
+3,8
BSW
4,9%
+4,9
FDP
4,3%
−7,1

Ähnlich unbefangen verbindet sie auch die Themen. In der «Brandmauer-Rede» ruft sie die Erinnerung an Walter Lübcke wach. Der CDU-Politiker wurde 2019 von einem Rechtsextremen ermordet, nachdem er sich mit Nachdruck für die Asylpolitik Angela Merkels eingesetzt hatte. Ein geschickter Schachzug – indem Reichinnek Lübcke als eine Art Märtyrer der Demokratie darstellt, setzt sie die CDU unter Druck, als diese im Begriff ist, Stimmen der AfD zu akzeptieren.

Auch beim Thema Israel ist sie klar und fühlt dennoch mit beiden Seiten. Bei der Aktuellen Stunde zur Lage in Israel und den Palästinensergebieten im März sagt sie: «Bei der Hamas handelt es sich nicht um Freiheitskämpfer, sondern um Terroristen, die entwaffnet werden müssen. Darüber müssen wir uns hier alle einig sein.» Ja, die Palästinenser litten unter der Siedlungspolitik und der Siedlergewalt, und diese müssten beendet werden – und dennoch: «Nichts, absolut nichts rechtfertigt das Attentat vom 7. Oktober. Und ja, Israel hat selbstverständlich das Recht, sich zu verteidigen.» Selten hört man dies aus der Linken so eindeutig.

Wagenknecht sieht plötzlich alt aus

Allerdings lässt stutzen, dass auch die propalästinensische Partei des früheren griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis und das Islamistenmilieu begeistert von Reichinneks Erfolg sind. Sie selbst klang 2016 auch noch anders. In einem Beitrag für eine Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung plädiert sie für einen Dialog zwischen Islamisten und linken Aktivisten. Ihre Partei will zudem jährlich eine Million Asylmigranten ins Land lassen, und das sind grossteils erfahrungsgemäss Muslime – für Juden in Deutschland dürfte das die Bedrohungslage verschärfen. Reichinnek kennt den Islam aus eigener Anschauung. Im Rahmen ihres Studiums im Fach Nahoststudien hatte sie sich 2010/2011 gut ein halbes Jahr in Ägypten aufgehalten.

Vielleicht ist es die Art, wie Reichinnek die Dinge verbindet, die ihren Erfolg ausmacht. Sie hat nach dem grossen Knall nur ein Jahr gebraucht, um die gespaltene Partei zu einen. Ihre Wahl an die Gruppenspitze im Februar 2024 war knapp, 13 gegen 14 Stimmen. Inzwischen ist sie die strahlende Galionsfigur.

Der grosse Knall, das war Ende 2023, als Sahra Wagenknecht und ihr neunköpfiges Gefolge im Streit austraten. So fiel die Linke unter die notwendige Mindestgrösse für eine Fraktion und wurde zur parlamentarischen Gruppe herabgestuft – das bedeutete weniger Redezeit, weniger Geld und somit weniger Einfluss. Während Wagenknecht gefühlt in jeder Talkshow sass und ihre Neugründung BSW zum Erfolg zu führen schien, galt es als sicher, dass die Linke im nächsten Bundestag nicht mehr vertreten sein würde. Sie würde einfach verenden.

Die «Silberlocken» Gysi und Co. hätten es nicht geschafft

Doch Reichinnek wirkte im Stillen, konzentrierte sich auf die Kernthemen der Partei: bezahlbare Mieten, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz ohne soziale Härten. Sie tourte durch kleine Städte und soziale Brennpunkte, sprach mit Pflegerinnen, alleinerziehenden Müttern und prekär Beschäftigten. Ihre Botschaft: «Wir kümmern uns um euch.»

Die Linken-Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek zwei Tage nach der Rede, die sie berühmt gemacht hat, am 31. Januar im Bundestag. Ihre Tätowierungen zeigen unter anderem Rosa Luxemburg und Nofretete mit Gasmaske.

Die Linken-Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek zwei Tage nach der Rede, die sie berühmt gemacht hat, am 31. Januar im Bundestag. Ihre Tätowierungen zeigen unter anderem Rosa Luxemburg und Nofretete mit Gasmaske.

Liesa Johannssen / Reuters

Im Bundestag ist die 36-Jährige seit 2021, sie kam über die Landesliste Niedersachsen hinein, lebt in Osnabrück. Damals gab es die Linksfraktion nur dank drei Direktmandaten. Erringt eine Partei drei Direktmandate, dann zieht sie in Fraktionsstärke in den Bundestag ein, das ist eine Besonderheit des deutschen Wahlrechts. Auf diese lebensrettenden drei Direktmandate hoffte die Linke nun wieder; sie startete im November 2024 mit den älteren Herren Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow die «Mission Silberlocke». An den Erfolg glaubte eigentlich niemand so recht. Ohne den Hype um Reichinnek wäre er wohl auch nicht eingetreten.

Zusammen mit der rechten AfD hat die Linke im Bundestag jetzt mehr als ein Drittel der Sitze. Gemeinsam können sie wichtige Projekte stoppen, für die eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, etwa eine Reform der Schuldenbremse zugunsten der Bundeswehr. Reichinnek hat auch schon angekündigt, davon Gebrauch zu machen.

Investitionen ja, Aufrüstung nein, sagte sie im Fernsehen. Ihr Kuschelkurs gegenüber Russland verbindet zwar die beiden Parteien, ebenso wie die Ablehnung westlicher Bündnisse wie der Nato und der EU. Aber da es sich nach Reichinneks Überzeugung bei der AfD um «Faschisten» handelt, ist eine Zusammenarbeit, womöglich gar nach Art einer Querfront, wohl nicht vorstellbar.

Überraschungen sind nie ausgeschlossen, aber mit knapp neun Prozent lässt sich im Parlament wenig bewegen. Daran kann auch eine Galionsfigur nicht viel ändern.