Russischer Durchbruch bei Kursk: „Die dortige Schlacht ist für die Ukraine verloren“

Die Kursk-Offensive der Ukrainer galt als cleverer Schachzug. Nun könnte ein Desaster folgen. Ein Interview mit dem österreichischen Militärstrategen Oberst Markus Reisner.

Ein russischer Soldat steht an einem zerstörten ukrainischen Panzer in der Kursk-Region.
Ein russischer Soldat steht an einem zerstörten ukrainischen Panzer in der Kursk-Region.www.imago-images.de/Russian Defence Ministry/TASS

Für die einen war es ein genialer Coup, für die anderen ein verhängnisvolles Himmelfahrtskommando: Anfang August des vergangenen Jahres drangen reguläre ukrainische Verbände bei Kursk auf russisches Territorium vor, erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hielt eine fremde Armee Territorium Russlands besetzt. Putin sollte damit brüskiert werden, nun könnte sich Kursk für die Ukrainer jedoch zu einem Waterloo 1815 oder einem Ardennen 1944 entwickeln. Ein Interview mit dem Militärstrategen und Ukraine-Experten Oberst Markus Reisner.

Herr Oberst, in ukrainischen Militärkreisen herrscht dieser Stunden große Unruhe. In der Region Kursk soll es besorgniserregende Entwicklungen geben.

Vor knapp einem Monat gelang es den Russen durch den Einsatz von weitreichenden FPV-Drohnen, die wichtigste ukrainische Versorgungslinie in den Kursker Kessel unter Kontrolle zu bringen. Dies führte zu einer signifikanten Unterbrechung an Nachschublieferungen zur Stadt Sudja, dem zentralen Logistikverteilerpunkt der Ukrainer. Letzte Woche begannen dann die russischen Flankenangriffe. Sie konnten von den Ukrainern nun nicht mehr zurückgehalten werden.

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Bundesheer zur freien Verfügung
Über die Person
Markus Reisner wurde am 10. März 1978 in Neunkirchen, Niederösterreich geboren. Er ist ein österreichischer Historiker, Offizier des Bundesheeres im Dienstgrad des Oberst, Militärexperte und Vorstandsmitglied des Clausewitz Netzwerks für Strategische Studien. Er ist Leiter des Institutes 1 für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie.

Man hört von rund 10.000 ukrainischen Soldaten, die quasi eingekesselt wurden. Könnte Sudja gewissermaßen das ukrainische Waterloo werden?

Kursk ist für die Ukraine nicht die Entscheidungsschlacht wie Waterloo im Jahr 1815 für Napoleon. Es drängt sich eher der Vergleich mit der deutschen Ardennenoffensive im Dezember 1944 auf. Damals wie heute waren die Ziele zu weit gesteckt, und trotz des Einsatzes von kampfkräftigen Verbänden gelang es sie nicht zu erreichen. Die Ukraine konnten jedoch über Monate russische Kräfte im Kursker Raum binden. Die Verluste sind jedoch auf beiden Seiten groß.

Was passiert mit einer so hohen Zahl an (für die Russen feindlichen) Soldaten, wenn sie keinen Ausweg mehr finden – wie kann man sich das vorstellen?

Der Kessel ist Richtung der russischen Grenze durch einige Gewässer begrenzt. Die Russen versuchen, die letzten intakten Brücken oder gelegten ukrainischen Pionierbrücken zu zerstören und den Ukrainern den Rückzugsweg abzuschneiden. Sobald sich Kräfte vor den Brücken anstauen, setzen die Russen Artillerie, Gleitbomben oder FPV-Drohnen sein. Die ukrainischen Soldaten, die diese Angriffe überleben, müssen sich ergeben oder versuchen, zu Fuß zu flüchten.

Wir sehen auf Drohnenvideos, dass die ukrainischen Verbände versuchen, in kleinen Konvois den Kessel zu verlassen.

Das ist ein eindeutiges Zeichen für den allgemeinen ukrainischen Rückzugsbefehl. Wo die Soldaten mit den Fahrzeugen nicht mehr weiterkommen, versuchen sie abzusitzen und sich in kleinen Gruppen zur Grenze durchzuschlagen – dies alles unter Beobachtung russischer Drohnen. Es geht nun darum, möglichst unversehrt aus dem Kessel zu kommen. Vor allem aber darum, das eigene Leben zu retten.

Es heißt, dass dort nun erstmals entscheidende russische Erfolge durch nordkoreanische Soldaten verbucht werden. Können Sie das bestätigen?

Die nordkoreanischen Soldaten wurden nach schweren Verlusten vor einigen Wochen vorerst von der Front abgezogen. Im Moment sind vor allem russische Verbände im Einsatz. Aus dem Raum nordwestlich von Sudja greifen die russische 106. Luftlandedivision und Teile der 76. Luftlandedivision an. Sie haben bei Novenke die ukrainische Grenze überschritten. Südwestlich von Sudja greifen mehrere russische Marineinfanteriebrigaden und -regimenter direkt auf Sudja selbst an.

Was sind die Ursachen für diesen doch plötzlichen Vorstoß Russlands in der Kursk-Region?

Neben der bereits angesprochenen Unterbrechung der wichtigsten Versorgungsroute durch Kamikaze-Drohneneinsätze waren dies vor allem zwei Entwicklungen. Erstens gelang es den Ukrainern, in den letzten Monaten praktisch nie eine zumindest begrenzte Luftüberlegenheit herzustellen. Man konnte zwar immer wieder russische Drohnen abschießen, aber die russische Aufklärung lieferte täglich Ziele für Gleitbomben und Artillerieangriffe. Diese wurden aus sicherer Entfernung vorgetragen. Hinzu kamen zum Schluss einige sorgfältig geplante Angriffe der Russen. So gelang es diesen, durch eine Gaspipeline kilometerweit hinter die ukrainischen Stellungen vorzudringen. Dies war eine böse Überraschung für die Ukrainer.

Das besetzte Gebiet in Kursk sollte für die Ukrainer als Faustpfand für etwaige Verhandlungen dienen, die nun – durch den Druck der USA – immer wahrscheinlicher werden. Wie schmerzhaft wäre der Verlust für die Ukraine tatsächlich?

Die Ukraine hatte ursprünglich vor allem drei Absichten: Erstens, soweit wie möglich in Richtung Kursk vorzustoßen – am besten bis zur Einnahme des russischen Atomkraftwerks, dann hätte man ein tatsächliches Faustpfand gehabt. Die zweite Absicht war es, den massiven russischen Druck auf die Front im Donbass zu verringern. Die Russen sollten von dort Verbände abziehen, der russische Druck blieb dort trotzdem unvermindert hoch. Die dritte nicht unwesentliche Absicht war die Blamage der Russen, denn erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs fanden auf russischem Territorium wieder Kämpfe statt.

Um auf die militärische Lage zurückzukommen: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Russen nicht an der eigenen Grenze in der Region stoppen, sondern weiterziehen? Die Großstadt Sumy liegt wenige Kilometer entfernt, die Schlagrichtung nach Südosten auf Charkiv oder nach Westen auf Kyiv hin wäre strategisch wohl entscheidend.

Alles hängt nun davon ab, ob die Ukrainer sich geordnet zurückziehen können und ob sie von bereit gestellten eigenen Verbänden aufgefangen werden können. Ist beides nicht der Fall, kann es tatsächlich dazu kommen, dass die Russen einfach weiter vorstoßen, bis sie wieder auf eine stabile Verteidigungslinie treffen. Das Schlimmste, was bei einem derartigen Rückzug passieren kann, ist das Ausbrechen von Chaos oder Panik – so, wie es die Russen 2022 bei Charkiv erlebten.

Sie haben oft beschrieben, dass Putin nicht stoppen wird, solange der gesamte Bereich östlich des Dnepr nicht entweder erobert oder zumindest demilitarisiert ist. Das Gebiet umfasst beinahe die halbe Fläche der Ukraine. Ist Russland diesem Ziel durch die neuesten Entwicklungen entscheidend nähergekommen?

Russland möchte jede Bedrohung von Moskau durch weitreichende westliche Waffensysteme ausschließen. Dazu muss es den kompletten Raum ostwärts des Dnepr kontrollieren können – entweder durch eigene Truppen oder durch eine entmilitarisierte Zone, die am besten durch zum Beispiel chinesische Friedenstruppen überwacht würde. Das Zusammenbrechen der Kursker Front ermöglicht des Russen eine weitere Konzentration der Kräfte an für sie günstigen Abschnitten.

Militärisch und politisch liegen aktuell alle Trümpfe bei Russland. Wie hoch würden Sie die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass nun sogar wieder Kiew und Odessa ins realistische Visier des russischen Präsidenten geraten?

Alles hängt von der Unterstützung der Ukraine durch den Westen und den gleichzeitigen Druck auf Russland ab. Lässt beides nach, so wie es gerade passiert, wird Putin seine Ziele wieder weiterstecken. Denn wer sollte ihn dann abhalten, dies nicht zu tun?! Nach der Inbesitznahme der vier umkämpfen Oblaste, weiteren Angriffen in Richtung Dnepr, ist das nächste Ziel sicherlich ein Überschreiten des Flusses Dnepr und ein Vorstoß bis nach Transnistrien sowie die Einnahme von Odessa. Die ukrainischen Streitkräfte möchten dies unbedingt verhindern, das Momentum liegt aber gerade bei den Russen.

Die eingestellten US-Hilfen sind generell ein gewaltiges Problem für die Ukraine, aber wie schwer wiegt – abseits der ausbleibenden Lieferungen an Waffen, Munition und schwerem Gerät – das Abkappen der ISTAR-Daten (Intelligence Surveillance Target Acquisition and Reconnaissance)?

Durch die Aufklärung der ISTAR-Sensoren, also z.B. Satelliten oder spezielle Aufklärungsflugzeuge, können die USA über große Distanz potenzielle Ziele für die Ukraine aufspüren, etwa russische Kommandoposten, Störsender, Fliegerabwehrdispositive oder Kräfteansammlungen. Die Daten, die durch die ISTAR-Sensoren gesammelt werden, geben die USA an die Ukraine weiter, die dann basierend auf diese Koordinaten einen Angriff durchführen kann – hört dies auf, ist die Ukraine faktisch blind.

Wir sehen in den vergangenen Stunden bereits vermehrt verheerende Angriffe Russlands auf die Energie-Infrastruktur der Ukraine, aus ukrainischen Militärkreisen vernimmt man ungewohnte Unruhe, mitunter Panik. Ist das der Anfang von dem, was man im Militärischen einen Dammbruch nennt?

Genau dies muss die Ukraine verhindern, möchte sie den Krieg nicht zu den ungünstigsten Konditionen verlieren. Die Kriegsgeschichte ist voller Beispiele. Man denke an den Ersten Weltkrieg und die Schlachten am Isonzo und an der Piave – da gab es jahre- bis monatelange Kämpfe gefolgt von plötzlichen Dammbrüchen und schließlich einem Zusammenbruch der Front und damals der K.u.K.-Monarchie. Die Tragik dabei ist, dass mit den USA im Moment der wichtigste Verbündete der Ukraine von ihr abfällt. Darüber werden noch viele Bücher geschrieben werden.

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